Abb.1

Der afrikanische Patient

Stanley Ahera Komba ein Gegenwartskünstler


 Ein schwerer Autounfall warf 1987 den jungen, vitalen, lebenslustigen, etwa 25 Jahre alten Chauffeur, Angestellter der Missionsbenediktiner in Südwest-Tansania, aus der Bahn. Stanley Komba, der zu der neuen, aufstrebenden Generation gehörte, war aus der Agrarwirtschaft der Eltern ausgestiegen und hatte die höhere Secundar Schule besucht, wo er Englisch lernte. Während der Ausbildung zum Automechaniker in einer Privatschule in Songea eignete er sich auch das Autofahren an. Bei einer Dienstfahrt, er sollte mit seinem Bruder Moses Feuerholz aus der Umgebung holen, sprang die Motorhaube des Landrovers auf, die Sicht wurde versperrt und es ereignete sich ein schwerer Verkehrsunfall. Drei Personen starben, sein Bruder wurde nur leicht verletzt, er aber schwer, und erlitt eine Querschnittlähmung.


Stanley kam mit seinem Bruder zunächst in das Missionskrankenhaus in Peramiho, bis er  - noch im gleichen Jahr - in das Landesinnere, in seine Heimat verlegt werden konnte. Im Krankenhaus von Litembo fand er ein neues Zuhause. Dieses Haus hatte einen besonders guten Ruf in dem ganzen südlichen Tansania. Es war neben dem Missionskrankenhaus in Peramiho eines der besten Hospitäler in der Provinz Mbinga, sowohl mit Personal als auch mit medizinischen Geräten gut ausgestattet. Die Leiterein des Hauses, die Gynäkologin Dr. Irmel Weyer aus Göttingen, war unermüdlich bestrebt gewesen, die Strukturen zu verbessern und das Haus mit Hilfsgütern aus Deutschland auszustatten. Darin wurde sie von ihren zwei Landsmänninnen, den Krankenschwestern Maria Meiss und Anneliese Dauber, unterstützt.


Im Laufe der Jahre, als das Krankenhaus - dank der Unterstützung aus Europa - gut funktionierte, lud die leitende Ärztin aus eigener Initiative  immer wieder kürzere (während der Sommerferien) oder längere Zeit Kollegen ein, damit sie für die bescheidenen Verhältnisse eines afrikanischen Krankenhauses innovativ nach neuen Methoden und Möglichkeiten suchten, um eine optimale Behandlung der Patienten zu erzielen. Als Stanley Komba eintraf, nahm gerade die erste deutsche  Physiotherapeutin in Litembo, Maili Hupka, ihre Arbeit auf. Sie begleitete ihren Mann, den Chefarzt Dr. Justus Hupka (Gynäkologe) aus Göttingen, und blieb mit ihm vier Jahre lang tätig. Stanley Komba war ihr erster Patient, der Erste, der mithilfe der Physiotherapie behandelt wurde. So erinnert sich die Physiotherapeutin: „Er war damals noch ein kräftiger, junger Mann und konnte in der Behandlung gut beansprucht werden. Der Oberkörper und die Arme wurden gezielt durch Krafttraining geübt, weil er ja für die Zukunft darauf angewiesen sein sollte. Beine und Hüfte waren am Anfang nicht versteift, sie konnten passiv gebeugt und gestreckt werden. So war es möglich für ihn, zu sitzen und vor allem mit dem Rollstuhl nach draußen zu fahren“ (Abb. 1). Um seine  Niedergeschlagenheit wegen des tödlichen Unfalls zu bekämpfen, war mehr Zeit nötig. 


Maili Hupka begnügte sich nicht damit, ihren afrikanischen Patienten körperlich fit zu machen, sie suchte und fand für ihn eine Beschäftigung: das Zeichnen. Sie versorgte ihn aus Europa mit guten Farb- und Filzstiften und mit Zeichenblöcken. Stanley war begabt, und die Umsetzung, von einem Menschen ein Abbild zu fertigen, bereitete ihm Freude. Zuerst machte er mit Bleistift Zeichnungen, Portraits von Ärzten und von der Therapeutin, dann von den Pflegern und Pflegerinnen. Dank seines gekräftigten Oberkörpers konnte er über längere Zeit in dem Rollstuhl sitzend oder auf dem Bauch liegend im Bett zeichnen. Später, als seine Sitzmuskeln schwach geworden waren und für ihn das Sitzen mit Schmerzen verbunden war, arbeitete er auf seinem Zeichenblock nur noch auf dem Bauch liegend (Abb. 2).

Abb. 2

Neue Anregungen

Um neue Anregungen zu haben, brachte ihm die Therapeutin alte Zeitschriften. Er kopierte ganz selten oder malte etwas aus der Illustrierten ab, eher griff er auf dem Schatz der christlichen religiösen Bilder zurück und nahm gelegentlich „Auftragsarbeiten“ an. So zeichnete z. B. auf  Karton als Andenken auf der Erstkommunion ein Motiv des Austeilens des Sakraments und malte den Namen des Konfirmanden darunter. Aber auch andere Ideen beschäftigten ihn, er versuchte seine ländliche Umgebung wahrzunehmen und festzuhalten. Seine Malerei ist am Anfang naiv, manche Details wirken unbeholfen und die Perspektive falsch. Trotzdem ist ihm die Originalität nicht abzusprechen. Nach den ersten Versuchen mit Einzelfiguren (leider unauffindbar!) übte er sich in der Gestaltung von Massenszenen, zeichnete Tanzfeste, Hochzeiten (Abb. 3), Marktszenen usw. und colorierte sie farbenfroh. 

Abb. 3

Die Mahnung: AIDS

Als mich 1992 meine erste Forschungsreise nach Litembo führte, fiel mir eine Tuschezeichnung bei der Patientenaufnahme auf. Sie war wie ein kleinformatiges Plakat in Augenhöhe auf der Außenwand befestigt: eine Mahnung gegen Aidsansteckung! Die Immunkrankheit erschien auf dem Bild als Leopard in Menschengestalt, auf zwei Beinen stehend. In einer Sprechblase war zu lesen: „Der Leopardenmann versucht eine Frau zu sich zu locken, die ihm aber widersteht.“ Ich war überwältigt! Der Leopard, in vielen Ländern Afrikas das gefürchtete Königstier, trat hier auf als die gefährliche HIV-Infektion! Es war leicht zu erfahren, dass der Zeichner ein Dauerpatient des Krankenhauses war, den man besuchen konnte! Stanley machte meine Interesse glücklich. Es war nicht schwer, seiner Zeichenkunst Anerkennung zu zollen und ihn mit  Auftragsarbeiten zu fördern. Ich lobte seine Arbeit und die geniale Idee, Aids als Leopard darzustellen, und bat ihn, mir auch eine ähnliche Zeichnung zu machen. Er kopierte das Bild nicht, sondern entwarf eine andere Szene (Abb. 4). 

Abb. 4

Geistwesen

Eines Tages fragte ich ihn, ob er auch die Geistwesen, über die Leute viele Erzählungen wissen und die ibuta genannt werden, zeichnen könnte? Nach der Vorstellung der Leute leben die ibuta in der Natur und können Glück und Unglück bringen, indem sie Erdbeben, heftige Gewitter und einen hohen Wellenschlag auf dem Nyasa-See verursachen. Er wurde nachdenklich, denn dazu gab es absolut keine Vorlage. Dann sagte er zu: Er würde es versuchen! Es ist ihm gelungen, ein Thema, welches ihm völlig fremd war, bildlich darzustellen (Abb. 5). Auch einem weiteren Geistwesen mit ambivalenten Verhalten verlieh er Gestalt, den ndondocha. Dieses Wesen ist der Geist eines getöteten Menschen, seinem Mörder, der mit Zauberkräften ausgestattet ist, untertan. Wenn er in menschlicher Gestalt erscheint, dann ist er wie ein Zwerg mit auf dem Oberschenkel verkürzten Extremitäten (Abb. 6). Er dient seinem „Herren“, schuftet für ihn und macht ihn reich. Stanley malte auch dann noch aus eigener Initiative verhexte Frauen (Abb. 7), einen Wahrsager-Heiler in Trance bei Krankenheilung (Abb. 8) oder verzweifelte Großeltern mit ihren Enkeln, die Aidswaisen sind (Abb. 9). Seiner weiteren Entfaltung wurde 2004 ein jähes Ende gemacht, als er friedlich an einer Infektion, geschwächt vom Liegen und den offenen Wunden im Kreise seiner Familie (Abb. 10), wie es sich für einen afrikanischen Patienten gehört, starb…

Maria Kecskési

Abb. 5

Abb. 6-9

Abb. 10

LINKS:
https://wuerzburgerpartnerkaffee.de/matengo-buch-und-treffen-mit-einem-urvater-des-partnerkaffee
https://www.abtei-muensterschwarzach.de/arbeiten/druckerei-benedict-press/aktuelles-druckerei/benedict-press-produziert-neues-buch-ueber-das-volk-der-matengo-7da7e9d
https://www.utzverlag.de/catalog/book/44173
https://beckassets.blob.core.windows.net/product/readingsample/11534263/9783831641734_excerpt_001.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_Fünf_Kontinente
http://www.anthropology-online.de/MM/MM_KEC.html
https://www.ungarisches-institut.de/veranstaltungen/veranstaltungen-archiv/57-2009/399-6-märz-2009-dr-kecskési-mária-egykor-gyarmati-nép-–-ma-független-polgárság.html

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