Dr. Maria Kecskési
Ethnologin
Am 16.9.2019 verstarb in München nach längerer Krankheit Dr. Maria Kecskési. Mit ihr verliert die ethnologische Fachwelt eine ausgewiesene Spezialistin für afrikanische Kunst und Kultur. Im Jahre 1935 in Budapest geboren, wurde sie nach Schulabschluss von dem nach dem Krieg in Ungarn herrschenden kommunistischen Regime in ihrer Hochschulausbildung behindert, konnte aber nach ihrer Flucht 1956 ihr Studium an der Universität Wien im Hauptfach Ethnologie mit großem Erfolg als Doktor der Philosophie abschließen. Bald hernach übersiedelte Maria Kecskési, die inzwischen den Schriftsteller Tibor Tollas geheiratet hatte, nach München. Hier übernahm sie am bekannten staatlichen Museum für Völkerkunde die Leitung der Abteilung Afrika. Damit begann ihre erfolgreiche, umfangreiche wissenschaftliche Tätigkeit. Mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen wirkte Maria Kecskesi ab 1978 zusätzlich als stellvertretende Direktorin und erwarb sich auch in dieser Funktion im In- und Ausland Anerkennung. Ihre zahlreichen Publikationen, Ausstellungen und Reisen nach Afrika trugen wesentlich zur Erforschung unseres Nachbarkontinents bei und machten die Wissenschafterin international bekannt – und nicht zuletzt auch durch ihr bescheidenes, stets freundliches, zuvorkommendes Wesen in der Fachwelt beliebt. In den letzten Jahren widmete sich die Forscherin in besonderem Maße einem Projekt in Tansania, das nicht nur für das Fachgebiet der Ethnologie, sondern auch für die einheimische Bevölkerung ein praktischer Gewinn war. So ist verständlich, dass Maria Kecskesi in ihrer fast zweiten Heimat zur hoch geschätzten "Mama Keksi" wurde. Ein ehrenderes Lob gibt es nicht.
Walter Raunig
ehemaliger Direktor des Staatlichen Museum für Völkerkunde in München
Dr. Maria Kecskési - Ethnologin - Biographie
Doktor der Philosophie, Afrikanistin,
von 1968-2000 wissenschaftliche Angestellte im
Staatlichen Museum für Völkerkunde in München
(jetzt: Museum Fünf Kontinente),
Feldforschungen in Südwest-Tansania
Ich, Dr. Maria Kecskési, geborene Lányi, bin am 01.07.1935 in Budapest geboren. Mein Vater war Geschäftsführer eines Restaurants, meine Mutter Hausfrau. Ich habe zwei Geschwister. Bis 1945 lebte meine Familie auf dem Land, in Kunszentmiklós. Dort besuchte ich die vierklassige Grundschule.
1945 Umzug nach Budapest. Besuch des Gymnasiums der Redemptoristinnen. Nach zwei Jahren Verstaatlichung mussten die Nonnen das Kloster verlassen. Die Priorin wurde Untermieterin bei uns und gab mir zwei Jahre lang Privatunterricht in Kunstgeschichte, eine Aristokratin unterrichtete mich, ebenfalls privat, in Englisch.
1947-1953 Besuch des Gymnasium Margit Kaffka in Budapest, das ich mit dem Abitur abschloss. Dennoch erhielt ich keine Hochschulzulassung. Mein Vater galt mit drei Angestellten als „Ausbeuter“ und ich als „Klassenfeindin“. Ich machte privat eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin.
1954-1956 Anstellung bei einer Baufirma, dann am Forschungsinstitut für Bergwerke.
1956 Im Oktober Ausbruch der ungarischen Revolution, so konnte ich das Land verlassen. Mir drohte die Aufnahme in die Kommunistische Partei und Einsatz in deren Berzirksorganisation. Ab 20. Dezember lebte ich als Flüchtling in Wien.
1957 Im Frühjahr Einschreibung an der Universität Wien: Studium der Ethnologie, Urgeschichte und Philosophie mit einem Stipendium des Malteser Ritterordens.
1958 Heirat mit Tibor Kecskési, Künstlername: Tollas, dem Redakteur einer ungarischen Emigrantenzeitung mit Namen Nemzetör.
1959 Geburt des Sohnes Thomas.
1961 Geburt der Tochter Csilla. Absolutorium nach 10 Semestern Studium.
1963 Umzug nach München. Weitere vier Semester Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität.
1967-1968 Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn am Staatlichen Museum für Völkerkunde, München.
1968 Geburt der Tochter Kristina.
1969 Erneut wissenschaftliche Angestellte im Staatlichen Museum für Völkerkunde.
1970 Promotion zum Doktor der Philosophie an der Universität Wien.
1972 Konservatorin der Afrika-Abteilung des Staatlichen Museum für Völkerkunde, München.
1978-1993 Stellvertretende Direktorin des Staatlichen Museum für Völkerkunde, München.
1992 Feldforschung in Südwest-Tansania, vier bis sechs Wochen im Jahr bis 2002.
2000 Pensionierung. Aufarbeitung des Materials der Feldforschungen.
2002-2005 Weitere Forschungsreisen nach Tansania. Vorbereitung der Publikationen.
2010-2013 Ehrenamtliche Tätigkeit in der Afrika-Sammlung im Missionsmuseum St. Ottilien.
2017-2019 Mitarbeit an der Ethnographischen Sammlung der Vatikanischen Museen.
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Am 16. September 2019 verstarb Frau Dr. Maria Kecskési.
Stand: Dezember 2019
Wir gedenken Maja
Mária Kecskési - Maja - wurde 1935 in Budapest geboren, hinein in eine politisch unheilvolle Zeit. Und so war schon ihre Kindheit nicht unbeschwert. Mit neun Jahren erlebte sie die deutsche Besatzung. Ihre beste Freundin Évi Schwarz trug einen gelben Stern, verschwand unerwartet und kehrte nie zurück.
Nach dem Krieg wollte Maja studieren, doch unter dem kommunistischen Regime war es ihr verboten. Im Jahr 1956 flüchtete sie dann allein und unter dramatischen Umständen aus ihrem Heimatland und ließ sich in Wien nieder. Später kam ihre Schwester Ildikó nach, während ihr Bruder Tamás bei den Eltern in Ungarn blieb.
In Wien traf sie dann ihren späteren Ehemann, unseren Vater Tibor Tollas. Über diese Begeg- nung berichtete sie in der Wiener ungarischen Zeitung Bécsi Napló: „1957 lernte ich Tibor Tollas in Wien kennen. Wir hatten beide ein Stipendium der Malteser erhalten. Tibor gab aber bald sein Studium für die Redaktionsarbeit bei der Zeitung Nemzetőr auf. Damals teilten wir die gleiche Weltanschauung. Ich wollte Tibor beistehen. Ihm, der in seinem Leben in Ungarn schon viel Leid und Ungerechtigkeit erfahren hatte. Es war nicht schwer, ihn lieben zu lernen.
Später wurde das Leben mit ihm jedoch anstrengender, denn er war sehr oft auf Reisen und widmete sich auch zuhause vor allem seiner Arbeit. Besonders die Kinder litten unter Papas vielen Gästen aus der ganzen Welt, die unangemeldet bei uns eintrafen... “
An der Wiener Universität studierte Maja Ethnologie und Archäologie und promovierte auch, ob- wohl sie inzwischen Mutter von drei Kindern geworden war.
Die Familie ist 1963 nach München gezogen. Maja hatte einen ihrer Professoren gebeten, sie beim Direktor des Museums für Völkerkunde anzumelden, um sich dort zu bewerben. So wurde sie Museologin, übernahm später die Leitung der Afrika-Abteilung und war 15 Jahre lang stellvertretende Direktorin des Museums.
Ihr Arbeitsgebiet beinhaltete die Betreuung der „Sammlung Afrika südlich der Sahara“. Ebenfalls kuratierte und organisierte sie Ausstellungen zur traditionellen afrikanischen Kunst. Dafür reiste sie zwölf Mal nach Tansania, wo sie den Alltag der Menschen und ihre Feste dokumentierte und auf Video aufzeichnete. Um das traditionelle Leben, die landwirtschaftlichen Praktiken und die alten Heilweisen zu erforschen, nahm sie abenteuerliche Reisen auf sich. Es dauerte oft mehrere Tage, bis sie in überfüllten, klapprigen Bussen bei den Missionaren ankam. Von dort brach sie in Begleitung ihrer afrikanischen Freunde zu noch gefährlicheren Reisen auf, ins Hinterland, zu Handwerkern, Heilern und Bierbrauern. Sie berichtete, dass man auch beim Bierbrauen die bösen Geister fernhalten sollte, damit das Bier nicht sauer wird.
Über ihre Arbeit veröffentlichte sie mehrere Bücher.
Unter diesen Menschen fühlte sich Maja bei Ihnen zu Hause und gab ihnen das Gefühl, zu ihnen zu gehören. Sie wurde Mama Keksi genannt, eine liebevolle Abkürzung von Kecskési, oder „die Weiße Matengo“. Maja selbst drückte es so aus: „Die größte Anerkennung habe ich von den Afrikanern selbst erhalten. Mein Buch beinhaltete viele Bilder und war in deutscher Sprache verfasst. Nur wenige konnten es lesen, aber es wurde mit Ehrfurcht aufgenommen. Der Meister der örtlichen Zeremonien murmelte Gebete, während er weißes Cassava Mehl über mein Buch streute und es seinen Vorfahren darbot.“
Natürlich hat Majas Abwesenheit unser Familienleben auch manchmal beeinträchtigt. Maja sagte darüber: „Tibor hat es schwer ertragen können, dass ich für Wochen verreist war, obwohl er selbst fast immer unterwegs war. Außerdem entwickelten sich Unterschiede in unserer Weltanschauung. Ich war 15 Jahre jünger als Tibor und hatte durch den Einfluss meiner wissenschaftlichen Arbeit oft andere Ansichten als er und seine Arbeitskollegen. Ich hatte gelernt, jede Aussage in Frage zu stellen. Was uns jedoch immer verband, war die Liebe zu unseren Kindern, zur Literatur und unser Interesse am Schicksal der Ungarn und der Menschheit.“
Wenn etwas Majas Neugier und Interesse geweckt hatte, dann widmete sie sich dem mit Begeisterung und Ausdauer. Als wir Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, gründeten Maja und Borbála Juhász die Münchner ungarische Volkstanzgruppe Komámasszony, in der sie bis zuletzt aktives Mitglied blieb. Damals gab es keinen Fitnessclub, wohin man gehen konnte, um mal von zuhause rauszukommen. Die wöchentlichen Proben und gelegentlichen Aufführungen brachten den Frauen unerwartete Schätze: das Gefühl der Zusammengehörigkeit und die Freude am Tanzen und Singen.
Freunde und Bekannte waren für Maja sehr wichtig, gute Gespräche und Diskussionen unverzichtbar. Sie liebte die Welt der Literatur, der Kunst und der klassischen Musik. Sie las regelmäßig anspruchsvolle Zeitungen. Oft bekamen wir von ihr Artikel, die persönlich auf unsere Interessen zugeschnitten waren und in denen sie das Wesentliche unterstrichen hatte.
Und sie verbrachte viel Zeit mit ihren geliebten Enkelkindern. Mit ihnen ging sie regelmäßig ins Museum und eröffnete ihnen die aufregende Welt der Ausstellungen. Ihre Weltanschauung und ihre guten Ratschläge packte sie in von ihr erfundene Märchen. Sie verfolgte aufmerksam das Leben ihrer Enkelkinder und war mit Wort und Tat stets zur Stelle.
Maja, dafür sind wir dir sehr dankbar.
Die Familie - Thomas, Csilla, Kristina und die fünf Enkelkinder - begleitete sie in der schweren Zeit ihrer Krankheit.
Zufrieden mit ihrem Leben starb sie friedvoll.
Persönlich oder auch in Gedanken hat sie sich von ihren Lieben, von ihren Freunden und Bekannten verabschiedet.
Sie hat auch an den heutigen Tag gedacht, über den sie sagte: „Zu meiner Beerdigung darf sich jeder verspäten, denn auch ich war häufig in Eile und bin oft zu spät eingetroffen.“
Jetzt bist du angekommen, geliebte Maja. Der magische Kreis hat sich geschlossen.
München, Oktober 2019
St. Elisabeth Kirche, Breisacher Strasse, München - 2.10.2019
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Waldfriedhof Unterschleißheim - 4.10.2019
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